Seit dem Mittelalter geistern Beutelbücher durch die Buchbinderliteratur. Der Begriff "Beutelbuch" bedeutet ein Buch, das so
gebunden wurde, dass es eine Verlängerung, an der unteren Buchkante hat, die in einem Knoten ended, der unter den Gürtel
geschoben wurde. So hängt es dann auf dem Kopf, und wird bei Bedarf aufgenommen und kann so (richtig herum) gelesen werden.
Wir kennen sehr wenig Originalexemplare, vielleicht 25 Stück weltweit, vor allem kennen wir diese Bücher von Gemälden, auf denen
sie so häufig auftreten, dass man den Eindruck gewinnen muss, dass Beutelbücher sehr weit verbreitet waren.
Die Struktur dieser Bücher ist an sich faszinierend, aber auch diese Diskrepanz zwischen Indizien dafür, dass diese Bücher weit
verbreitet waren, und wenig Originalfunden.
Und so haben schon viele Buchbinder Repliken dieser Bücher angefertigt. Diese Repliken sind oft eher sperrig, mit fingerdicken
Deckeln aus Holz, eingebunden in feines Leder, mit bronzenen Verschlüssen und Beschlägen, und anderen Verziertechniken, die man sich an einem Buch aus dem 13.
oder 14. Jahrhundert vorstellt.
Nach allem was wir wissen (und das ist zugegebenermaßen nicht sehr viel) waren diese Bücher zwar reich verziert, schließlich sind
es meistens sakrale Texte gewesen, und ein Buch an sich schon wertvoll, aber sie waren wohl vergleichsweise klein - schließlich
will man kein allzu großes Gewicht an einer Kordel hängen haben, die man sich um die Hüften geschlungen hat.
Das alles hat mich nur am Rande interessiert. Mein Hauptinteresse war nicht das Anfertigen einer Replik, sondern die künstlerische
Auseinandersetzung mit der Struktur und Funktion dieser Bücher. Mein Gedankengang war in etwa der folgende. Ich wollte etwas
machen, das nicht nur oder vor allem das Aussehen, sondern die Funktion dieser Beutelbücher immitiert. Wo also, fragte ich mich,
brauchen wir heutzutage ein Buch schnell bei der Hand, um etwas nachzuschlagen, in einer Situation, wo wir nicht ein Buch om
Regal aufbewahren wollen, sondern bei uns tragen? Und da kamen mir Einkaufslisten in den Sinn. Wenn das erstmal auch keine Bücher
sind, so sind es doch schriftliche Aufzeichnungen, die wir bei uns tragen, die man immer wieder anschauen will, und für die eine
bessere Aufbewahrungsmethode als die Hosentasche, aus der sie dann irgendwann verschwinden, besser geeignet wäre.
Von dieser allerersten Idee hat sich dieses Buch dann doch noch ein wenig weg entwickelt. Ich versuche hier Elemente des IKEA
Designs und der Schwierigkeiten und Merkwürdigkeiten, die einem bei einem Besuch in so einem Möbelhaus begegnen, künstlerisch
und spielerisch aufzugreifen.
Ich konfrontiere in meinen Werken gerne traditionelle Methoden mit neuen Materialien und Ideen. Und während ich im Inneren also ein modernes Thema angehe, habe ich versucht, die Struktur nahe an den Originalbüchern zu halten: Die Seiten sind auf sichtbare Korderln gebunden, die sich am Rücken abzeichnen, und die traditionelle Art der Befestigung an den Deckeln: auffächern und aufleimen - kann durch das Bezugsmaterial gesehen werden. Die Deckel sind extra dick aus Buchbinderpappe und Holzpappe zu 6mm Stärke aufgebaut. (Ich habe diese Pappenkonstruktion echten Holzdeckeln vorgezogen, um die Leichtbauweise bei diesen schwedischen Möbeln einzufangen.) Der Buchblock ist außerdem mit einem handgestochenen Kapitalband versehen.
Die Seiten sind von IKEA Werbebroschüren, Aufbauanleitungen, und Informationsblättern gemacht. Ich habe sie mit Wachsmalstifen, Wasserfarben und Hitze bearbeitet und verfremdet. Die Oberflächen fühlen sich sehr glatt und überhaupt nicht klebrig an. Einige weitere Seiten enhalten hangeschriebenen Text, der den Leser anweist, sich Einkaufszettel zu machen, zu notieren, was er auf keinen Fall kaufen will, sich Skizzen seiner Wohnung zu machen, und anderes mehr, sowie einige leere Seiten, um sich alles dies auch sofort im Buch zu notieren.
IKEA blaue Einkaufsbeutel, IKEA Aufbauanleitungen, Werbung und Informationsmaterial, Wachsmalfarben, Hitze, Wasserfarben,
Leinenfaden, Baumwollkordel, Buchpappe, Holzpappe
Von seiner Struktur und Bindetechnik ist dies ein Beutelbuch, gebunden auf sichtbare Kordeln, zwischen den Deckeln in blaues,
durchsichtiges Material eingebunden, durch das daher die Bindung sichtbar bleibt. An der unteren Verlängerung des Deckenmaterials
befindet sich ein Knoten, mit dessen Hilfe das Buch am Gürtel getragen werden kann.
Es gibt zwei sehr ähnliche Exemplare dieses Buches. Der Inhalt und das Aussehen unterscheiden sich zwar, aber die Grundidee und
-struktur sind die gleiche. Das erste Exemplar habe ich in einem Büchertausch weggeschenkt. Das zweite Buch ist noch in meinem
Besitz. Auf den letzen Bildern in der folgenden Diashow sehen Sie auch ein Bild des anderen Buches, sie erkennen es and dem anderen
Knoten am Ende, und einer anderen Art die Deckel am Buchblock zu befestigen. Im Inhalt unterscheiden sie sich darin, dass der
handgeschriebene Text des ersten Buches Deutsch, der des zweiten Englisch ist. Auch die gefärbten Teile sind zwar mit der
gleichen Technik gemacht, allerdings nicht identisch.